DPSG-Logo
DPSG-stamm Christopherus Mitterfelden
Gedenkfeier "DPSG-Verbot"
Baumgarten am Saalachsee, 15.03.2003
Bericht und Bilder: Andi Hänsch
Pfadfinder aus dem Berchtesgadener und Salzburger Land trafen sich am vergangenen Wochenende in Baumgarten. Sie gedachten dem Verbot, der Verfolgung und Schikanierung der freien, demokratischen und kritischen Jugendorganisation während des Nationalsozialismus. Damals wurde in Baumgarten ein Heim niedergebrannt, ein Gruppenleiter entging seiner Verhaftung nur durch seine Flucht über die Grenze.
„Das bittere Ende kam über Nacht“
Pfadfinder erinnern an Verfolgung, Verbot und Widerstand unter dem Nationalsozialismus
Die Machterschleichung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 bedeutete das Aus für alle freien, demokratischen und friedlichen Jugendorganisationen. So wurde auch die Pfadfinderbewegung in Deutschland uns später in Österreich verboten. Wie überall erlebten ihre Mitglieder im Berchtesgadener und Salzburger Land Schikanen und Verfolgung. Pfadfinder aus dem Grenzgebiet gedachten diesem dunklen Kapitel der Geschichte am vergangenen Samstag in Baumgarten, wo damals ein Vereinsheim niedergebrannt wurde.
„So wie es in Deutschland nur eine Partei geben darf, so darf es auch nur eine Jugendorganisation geben“. Mit diesem Satz besiegelten die Nationalsozialisten das Ende aller Jugendverbände und den Anfang der gleichgeschalteten Staatsjugend. So passte auch die kritische Erziehung der Pfadfinderbewegung nicht mehr in die Pläne des Regimes. Die Pfadfinder wurden deshalb „zum Schutz von Volk und Staat“ verboten.
Einer, der diese Zeit selbst miterleben musste ist Josef Zauner. Er war damals als Wölfling (jüngste Altersstufe) Mitglied der Salzburger Pfadfindergruppe Maxglan und berichtete bei der gemeinsamen Gedenkfeier in Baumgarten von seinen Erlebnissen. „Das bittere Ende kam über Nacht. Anfänglich durften wir unsere Arbeit mit Auflagen weiterführen, bald verschwanden jedoch alle Gruppen“, erinnerte er sich.
Den ersten Schikanen trotzte der Gründer der Reichenhaller Pfadfindergruppe, Karl Reifetshammer. Als Jugendlichem wurde ihm verboten, mit dem Fahrrad über die Grenze zu Gruppenstunden nach Salzburg zu fahren. Er überquerte die Saalach zu Fuß. Auf der anderen Seite warteten seine Freunde mit einem Ersatzrad. Während der Verbotszeit trafen sich Reichenhaller Pfadfinder geheim in der Sakristei von Sankt Zeno.
Bald wurde Reifetshammer seine kritische Einstellung zum Verhängnis. Anfänglich bestanden noch gute Beziehungen zu Freunden, die der Hitlerjugend beigetreten waren. Nach einem gemeinsamen Geländespiel am Högl wurde er von einem Nazi-Offizier gefragt, wer in dem Wettbewerb gewonnen habe. Seine Pfadfindergruppe hatte das Spiel für sich entschieden. Nur durch die Warnung eines seiner Gruppenmitglieder entging er um Haaresbreite der Verhaftung. Bei Nacht und Nebel floh er über die Grenze nach Werfen. Seinem Tod im vergangenen Jahr galt das besondere Andenken der Zusammenkunft in Baumgarten.
„Diese Stelle ist ein Denkmal – sie soll uns zum Nachdenken anregen“, meinten die Organisatoren der Feier, Georg Ahollinger (Stamm Mitterfelden) und Georg Sturm (Salzburg). In Baumgarten stand bis 1933 ein selbsterbautes Pfadfinderheim, das von SA und der Hitlerjugend niedergebrannt wurde. „Es geht nicht darum, Helden zu feiern oder Mythen zu erschaffen, ganz im Gegenteil“, betonte die beiden. „Wir möchten uns kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen, das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten lassen und bei der jungen Generation den Blick für Ungerechtigkeiten schärfen. So etwas darf nie wieder geschehen“.
Wachrüttelnde Fragen stellte am Ende Klaus Jauzus. Sie waren auch an die anwesenden Jugendlichen gerichtet. „Warum gibt es in einem Volk so viele Jasager und Duckmauser? Warum verdrängen wir schnell alle negativen Anzeichen, schweigen und hoffen, es wird schon? Warum wird man zum Stillhalten und nicht zum Auflehnen erzogen?“.
Zur Gedenkfeier in Baumgarten am 15. März 2003 (Klaus Jauzus)
Zum Schluss einige Fragen von einem 38er.
Warum
ausgerechnet jetzt eine Veranstaltung zum Gedenken an Dinge, die vor 70 Jahren geschahen?
Warum
in der Vergangenheit herumwühlen? Damit könnte man doch aufhören. Ist es die Eigenheit der Alten, in der Vergangenheit zu leben?
Warum
wurde die Pfadfinderorganisation in unserer deutsch-österreichischen Heimat zum „Schutz von Volk und Staat“ verboten?
Sind die Pfadfinder nicht staatstreu gewesen?
Haben sie sich nicht sozial verhalten?
Sind sie zu eigenbrötlerisch oder gar sektiererisch gewesen?
Warum
wurden sie verfolgt von den Handlangern des NS-Staates, ihr Besitz eingezogen und zerstört?
Warum
hat der Staat mit seinen Machthabern und Handlangern das Recht all die, die nicht sein Gedankengut mittragen, mit Gewalt zu verfolgen und zu unterdrücken?
Warum
verdrängen wir schnell alle negativen Anzeichen, schweigen und hoffen, es wird schon?
Warum
wird durch die Erziehung ausgehend von der Familie, der Schule, später im Beruf oder beim Militär unsere Persönlichkeit unterdrückt?
Warum
wird man zum Stillhalten und zum Befehlsempfang erzogen, nicht zum Auflehnen?
Warum
bringt es in der gelenkten Gesellschaft nur Unannehmlichkeiten und Repressionen mit sich, anders zu sein und zu denken?
Zum Schluss auf dem Heimweg keine Fragen mehr. Nur ein Symbol mit einer Auslegung: Das Senkel. Es gibt uns zu verstehen, dass der Mensch immer gerade und aufrichtig sein soll gegen sich selbst, gegen die Mitmenschen, im Rücken und vor dem Gesicht, ohne Hintergedanken.

Karl Reifetshammer floh vor den Nazis nach Werfen

Das Pfadfinderheim in Baumgarten vor seiner Zerstörung

Das Pfadfinderheim in Baumgarten nach seiner Zerstörung durch SA und HJ

Georg Sturm (Salzburg), Zeitzeuge Josef Zauner und Georg Ahollinger (Mitterfelden)
copyright stamm christopherus mitterfelden, erzeugt am: 26.11.2008